Was passiert, wenn Sprache nicht bewertet wird …
Was passiert, wenn Schule einen Raum schafft, in dem Sprache nicht bewertet wird?
Über den Poesieclub WORTSPIEL – und warum kreatives Schreiben weit mehr ist als ein Deutschprojekt.
Manchmal braucht es gar nicht viel. Einen Raum, ein paar Wörter. Und die Erlaubnis, sie auf seine ganz eigene Weise zusammenzusetzen.
Es gibt Momente im Schulalltag, die lassen irgendwie erahnen, dass da mehr schlummert in der Art, wie wir Sprache verwenden. Etwa, wenn Schüler:innen plötzlich im Gespräch neue Worte erfinden oder die eigenen Gedanken in ihrem inneren Monolog laut vor der Klasse lesen.
Viele Kinder und Jugendliche verwenden kaum mehr als die einsilbrige Jugendsprache ihrer TikTok - Welt. Da prallen im Deutschunterricht Welten aufeinander, die sich kaum mit ihrer Lebensrealität vereinen lassen. Die deutsche Sprache wird zu einem Werkzeug reduziert, die man im Leben braucht, die hauptsächlich die Funktion erfüllt Informationen weiterzugeben (übrigens ist Sprache dafür gar nicht so gut geeignet). Wenn dafür aber eben nur “Digga”, “Schere” und “Aura” ausreichen, dann stellt sich die Frage, ob unser Zugang zur Bildungssprache nicht etwas eintönig ist.
Wenn Sprache mehr sein darf
Wir wollten einen Raum schaffen, in dem Sprache wieder lebendig werden darf, in dem Jugendliche Sprache als Ausdrucksmittel erleben können.
Warum also diesen nicht mit Gedichten öffnen?
Der Poesieclub war Teil der Talenteförderung an unserer Schule. Entstanden ist er aus dem Wunsch, dem Schreiben einen anderen Raum zu geben als den, der im Unterricht möglich ist. Das bedeutet natürlich Mehraufwand - die Extrameile. Und dann auch noch die Unsicherheit: Interessieren sich unsere Schüler:innen überhaupt dafür?
Denn im regulären Deutschunterricht begegnen Schüler:innen Gedichten häufig analytisch: Sie untersuchen Reime, Stilmittel oder Interpretationen. Und sogar das kommt an den Mittelschulen oft viel zu kurz.
Und dann fehlt auch noch oft der Bezug. Die meisten haben noch nie ein Gedicht gehört, außer: eine Maus kommt ins Haus. Und selbst dann ist wenigen klar: Das ist ein Gedicht.
Und wer von den Kindern und Jugendlichen, die Deutsch als Zweitsprache lernt, soll denn eine hundert Jahre alte Sprache verstehen, wenn das schon für Deutsch - Erstsprachler schwierig ist. Und wer bitte ist dieser Göthe-Typ?
Also, dachten wir uns, drehen wir den Spieß um. Und gehen von dem aus, was die Schüler:innen sagen wollen.
Am Anfang meldeten sich viele Schülerinnen zu unserem freiwilligen Nachmittagskurs an – manche aus Neugier, manche gemeinsam mit Freundinnen oder Freunden.
Mit der Zeit kristallisierte sich jedoch eine kleine Kerngruppe heraus, die Woche für Woche wiederkam. Und das nicht, weil sie musste, sondern weil sie schreiben wollte.
Für mich ist genau das ein wichtiger Moment von Begabungsförderung. Denn Begabung zeigt sich nicht nur in außergewöhnlichen Leistungen. Sie zeigt sich oft dort, wo Menschen freiwillig dranbleiben. Wo sie Freude daran entwickeln, tiefer einzutauchen, Fragen zu stellen und ihre eigene Ausdrucksform zu finden.
„Begabungsförderung bedeutet für mich nicht, außergewöhnliche Kinder auszuwählen - sie bedeutet, außergewöhnliche Lernräume zu schaffen.“
Talente müssen nicht erst entdeckt werden wie ein versteckter Schatz. Manchmal entstehen sie erst, wenn wir ihnen einen Raum geben.
Stimmen aus dem Poesieclub
Im Laufe des Semesters lernten die Jugendlichen verschiedene Formen der Poesie kennen. Wir schrieben Elfchen, experimentierten mit Haikus, verfassten kleine Reimtexte und gestalteten konkrete Poesie.
Jede Form eröffnete neue Möglichkeiten sich auszuprobieren und mit Sprache zu spielen. Mal reichten elf Wörter, um eine ganze Stimmung einzufangen. Mal erzählten drei Zeilen eine kleine Geschichte. Mal wurden Wörter selbst zu Bildern. Die Formen gaben einen Rahmen – gefüllt wurde er von den Gedanken der Schüler:innen.
Was mich dabei besonders berührt hat, war die Vielfalt der Themen. Manche Texte waren humorvoll und überraschend ehrlich, so wie dieses Elfchen:
Lernen
Lehrer und Aufpassperson
wir werden gelehrt
manchmal langweile ich mich
Schule
Oder berührend wie dieses Gedicht über Angst:
Ängste
Mobbing, Nadeln
schlagen, stehen, schupsen
Renn! Hilfe, traurig, allein
Stopp.
Und dann gab es Texte, die einfach nach Sommer schmeckten:
Himbeeren im Wald sammeln
sie schmecken nach Ferien
leicht süß, rot und rund.
Ich liebe diese Texte - weil sie echt sind. Und genau deshalb erzählen sie so viel über die jungen Menschen, die sie geschrieben haben.
„Können wir das bitte immer so machen?“
Lernen sichtbar machen
Den Abschluss bildete unser Wörterfall, eine Installation aus den entstandenen Texten, die beim Schulfest präsentiert wurde. Plötzlich verließen die Wörter das Klassenzimmer.
Eltern, Lehrkräfte und andere Schüler:innen konnten die Gedichte lesen. So wurde sichtbar, was im Laufe des Semesters entstanden war – und gleichzeitig erfuhren die Kinder und Jugendlichen, dass ihre Gedanken und Texte einen Platz im öffentlichen Raum bekommen dürfen.
Aus einzelnen Schreibübungen war etwas Gemeinsames geworden.
Etwas, das sichtbar machte: Unsere Gedanken verdienen einen Platz.
Der Poesieclub hat mir erneut gezeigt, wie viel Kreativität in jungen Menschen steckt, wenn wir ihnen Zeit, Vertrauen und geeignete Räume geben. Kreatives Schreiben fördert dabei weit mehr als sprachliche Kompetenzen.
Es stärkt Selbstwirksamkeit, Ausdrucksfähigkeit und die Freude daran, eigene Gedanken ernst zu nehmen. Gerade deshalb wünsche ich mir, dass solche Räume auch künftig selbstverständlich Teil von Schule sind.
Was bleibt?
Ich glaube, Schule braucht mehr Räume wie diesen. Räume, in denen Sprache nicht nur bewertet wird.
Räume, in denen Kreativität genauso selbstverständlich ist wie Mathematik oder Rechtschreibung.
Denn Schreiben bedeutet weit mehr, als Grammatik richtig anzuwenden.
Schreiben bedeutet, sich selbst zu begegnen, seine Stimme zu finden. Und den Mut zu entwickeln, sie mit anderen zu teilen.
Vielleicht ist genau das eine der schönsten Formen des Lernens.
💭 Und du?
Welche Räume schaffst du in Schule oder zu Hause, damit Kinder und Jugendliche ihre eigene Sprache entdecken können – und nicht nur lernen, die Sprache anderer zu verstehen?
Lass dich inspirieren!
Mein Blogartikel zum Poesie Club ist auch im Blog von xlnttlnt und teachforaustria erschienen.
Dort findest du außerdem andere interessante und inspirierende Geschichten aus dem Bildungsalltag und Artikel rund um das Thema Talenteförderung.
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