Wann hören wir eigentlich auf zu hopsen?
Kinder hüpfen, wenn sie sich freuen. Nicht metaphorisch – sie heben tatsächlich vom Boden ab. Sie hüpfen, wenn sie Energie haben, und manchmal hüpfen sie einfach, weil ihnen gerade danach ist.
Und irgendwann hören wir damit auf. Oder genauer: Wir lernen mit der Zeit, dass man das nicht überall tut. Dazu gehört nicht nur das Hopsen, sondern viele impulsartige Bewegungen, die unseren emotionalen Zustand begleiten.
Wahrscheinlich ist das auch ganz sinnvoll. Eine Gesellschaft, in der alle jederzeit tun, worauf sie gerade Lust haben oder öffentlich zeigen, wie es ihnen geht, funktioniert vermutlich nicht besonders gut. Ich glaube also nicht, dass wir alle wieder anfangen sollten überall und zu jeder Zeit zu hüpfen oder durch die Gegend zu kreischen wie es uns passt.
Aber ich frage mich in letzter Zeit öfter, wie viel von dem, was wir Kindern abgewöhnen, wirklich notwendig ist – und wie viel wir nur weitergeben, weil es uns selbst so beigebracht wurde.
Was ich in meiner Klasse zulasse
Ich bin über einen Umweg ins Klassenzimmer gekommen, nicht auf dem klassischen Weg. Das hat einen vorprogrammierten Nebeneffekt: Vieles, was für andere selbstverständlich ist, war es für mich nie. Und was man nicht als selbstverständlich gelernt hat, fällt einem auf.
Ich habe in diesem Jahr unter anderem eine Sprachförderklasse unterrichtet. Es waren weniger Kinder als in einer regulären Klasse, und ich sage gleich dazu: Damit ist vieles leichter. Vieles von dem, was ich hier beschreibe, wäre mit sechsundzwanzig oder mehr Kindern schwieriger. Nicht unmöglich, aber schwieriger.
Wir gehen nicht immer in Zweierreihe.
Wenn wir einen Film schauen, suchen sich die Kinder einen Platz, an dem sie es bequem haben. Manche sitzen am Boden, manche legen sich auf den Tisch.
Und oft möchte ich gar nicht, dass sie aufzeigen. Sie dürfen durcheinanderrufen. Wenn ich es anders brauche, sage ich das – und dann gilt es auch.
Ich lasse sie außerdem blödeln. Auch in größeren Klassen, auch in Momenten, in denen Einschreiten die naheliegendere Reaktion gewesen wäre.
Meine Rolle ist wohl eher die einer Moderatorin und das ist bewusst so gewählt. Denn es gibt natürlich einen Rahmen. Ich akzeptiere nicht, dass untereinander absichtlich gestört wird, oder jemand beleidigt oder physisch verletzt wird. Und wenn jemand vor allen spricht, bekommt diese Person Raum. Manches unterbinde ich sehr bewusst – auf dem Sessel schaukeln zum Beispiel, wenn ich sehe, dass gleich jemand hinunterfällt.
Aber innerhalb dieses Rahmens möchte ich nicht ständig vorschreiben, wie die Schüler:innen zu sein haben.
Ich lasse das nicht zu, weil ich großzügig sein möchte. Sondern weil ich glaube, dass der Körper zum Lernen gehört.
Ein Kind, das nicht sitzen darf, wie es sitzen möchte, beschäftigt sich mit dem Sitzen. Es reguliert, hält still, korrigiert sich, schaut, ob es gesehen wird. Das kostet Aufmerksamkeit – und zwar genau die, die eigentlich beim Inhalt sein sollte.
Wir tun manchmal so, als wäre der Körper das, was beim Lernen im Weg steht. Dabei ist er das, womit gelernt wird. Kinder verstehen Dinge, indem sie sie anfassen, nachmachen, ausprobieren, im Raum bewegen. Das hört nicht plötzlich auf, nur weil sie älter werden. Es wird nur unsichtbarer.
Deshalb ist die Frage, ob jemand auf dem Boden sitzt, für mich keine Verhaltensfrage. Sie ist eine Lernfrage.
„Ein Kind, das nicht sitzen darf, wie es sitzen möchte, beschäftigt sich mit dem Sitzen.“
Eine Regel ist nicht immer ein Wert
Ich glaube, wir verwechseln Regeln und Werte ziemlich leicht.
Pünktlichkeit kann sinnvoll sein. Aufgaben zu erledigen kann sinnvoll sein. Sich zu entschuldigen, wenn man jemanden verletzt hat, ist mir wichtig. Das sind Dinge, die mit dem Miteinander zu tun haben.
Ob jemand auf dem Sessel sitzt, am Boden liegt oder aufrecht am Tisch sitzt, ist dagegen keine Frage von Moral. Es ist eine Frage von Gewohnheit.
Manche Regeln schützen etwas Wichtiges. Andere schützen vor allem unsere Vorstellung davon, wie etwas auszusehen hat.
An dieser Stelle möchte ich etwas klarstellen, weil es sonst leicht falsch ankommt: Ich will bestimmte Regeln in der Schule nicht abschaffen. Ich glaube auch nicht, dass alles kaputt ist und neu erfunden werden muss. Ich halte einen großen Teil der Regeln, die es an Schulen gibt, sogar für absolut sinnvoll.
Das hat einen Grund. Schule trägt inzwischen sehr viel Verantwortung dafür, wie Kinder aufwachsen – deutlich mehr, als sie sich je ausgesucht hat. Ob das gut ist, ist eine eigene Diskussion. Aber solange es so ist, ist Schule eben auch der Ort, an dem die Heranwachsenden eine lange Zeitspanne ihres Lebens lernen, wie man in einer Gemeinschaft lebt. Das nehme ich ernst.
Mir geht es also nicht darum, Regeln loszuwerden. Mir geht es darum, sie zu unterscheiden.
„Manche Regeln schützen etwas Wichtiges. Andere schützen vor allem unsere Vorstellung davon, wie etwas auszusehen hat.“
Denn Schule ist einer der Orte, an denen Kinder und Jugendliche lernen, wie Gesellschaft funktioniert. Sie lernen dort nicht nur Deutsch, Mathematik oder Englisch. Sie lernen auch, wie man sitzt, wann man sprechen darf, wann man still sein sollte, was als gutes Verhalten gilt – und was passiert, wenn man davon abweicht.
Natürlich brauchen Kinder und Jugendliche Orientierung. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen zeigen, wie man miteinander lebt. Aber vielleicht dürfen wir öfter fragen, welche dieser Grenzen die Schüler:innen brauchen und welche vor allem uns Lehrkräften das Leben leichter machen.
Das Interessanteste an alldem ist, dass meine Schüler:innen fragen. Können wir uns so hinsetzen? Dürfen wir das im Turnen so machen?
Sie fragen, weil sie inzwischen wissen, dass es überhaupt eine Frage sein könnte. Und weil sie wissen, dass man Normen hinterfragen und verändern darf. Sie denken sozusagen auch die Räume neu, in denen sie heranwachsen. In vielen Räumen kommt man gar nicht auf die Idee, dass eine Sitzordnung verhandelbar wäre. Man setzt sich einfach so hin, wie man sich eben hinsetzt. Lustigerweise fällt das oft in Räumen auf, die vorwiegend von Erwachsenen gefüllt werden.
Und wenn jemand einmal zu spät kommt, muss daraus nicht automatisch eine Lektion werden. Ich sage dann oft nur: Schön, dass du da bist, setz dich hin und mach mit. Natürlich wünsche ich mir, dass sie pünktlich kommen. Aber ich möchte vor allem, dass sie gerne kommen. Und ich vermute, das eine führt langfristig eher zum anderen als umgekehrt.
Wie viel müssen wir eigentlich sagen?
Ein Buch hat meinen Blick auf den Umgang mit Regeln und Normen stark verändert: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück von Jean Liedloff. Sie hat in Venezuela längere Zeit bei den Yequana gelebt und beschreibt, wie dort mit Kindern umgegangen wird.
Was mich daran beschäftigt, ist weniger die konkrete Kultur als eine Beobachtung, die sich durch das ganze Buch zieht: Wie wenig dort explizit gesagt werden muss.
Die Kinder lernen, wie man miteinander umgeht, indem sie dabei sind. Nicht, weil man es ihnen ständig erklärt. Sie werden als vollwertige Menschen behandelt, ihre Bedürfnisse werden ernst genommen – und es wird deutlich seltener eingegriffen, als ich es aus unseren Zusammenhängen kenne. Und die Menschen haben sichtbar Freude aneinander.
Das ist kein Modell, das man übertragen kann, und ich will das auch nicht romantisieren. Aber es hat bei mir eine Frage hinterlassen, die ich seither nicht mehr loswerde:
Wie viel von dem, was wir Kindern beibringen wollen, bringen wir ihnen ohnehin durch unser Verhalten bei – und wie viel davon reden wir nur?
Damit verschiebt sich für mich auch die Frage nach den Grenzen. Sie lautet dann nicht mehr: Wie viel Freiheit darf ein Kind haben? Sondern: Wie viel von diesem Verhalten ist für die Gemeinschaft tatsächlich tragbar? Und wie können wir darauf basierend unsere Einstellung zu den Kindern ändern, die diese Gesellschaft in der Zukunft prägen werden?
Diese Fragen sind gesellschaftlich und sie lassen sich nicht grundsätzlich beantworten. In meinem Fall sogar nur ganz konkret - in diesem Raum, mit diesen Kindern, an diesem Tag.
Schule - unser Forschungsraum
Deshalb ist Schule für mich kein fertiger Raum.
Ich probiere Dinge aus und schaue, was passiert. Was passiert, wenn Kinder mehr Bewegungsfreiheit haben? Was passiert, wenn ich eine Regel nicht durchsetze, nur weil sie immer schon da war? Was passiert, wenn ich ihnen zutraue, selbst zu spüren, was sie gerade brauchen?
Manchmal funktioniert etwas nicht. Dann verändere ich es wieder. Manchmal funktioniert etwas überraschend gut, und dann frage ich mich, warum wir es eigentlich nicht schon immer so gemacht haben.
Und irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem die Frage nicht mehr nur den Regeln gilt, sondern dem Raum. Klassenzimmer sind über Jahrzehnte ziemlich gleich geblieben: Tische nach vorne, eine Tafel, ein Gang in der Mitte. Wir richten Räume ein, in denen Kinder täglich sechs oder sieben Stunden verbringen – und fragen dabei selten, was ein Körper eigentlich braucht, um dort so lange zu sein.
Das ist ein eigenes Thema, und ich schreibe darüber demnächst separat. Hier nur so viel: Ein Teil dessen, was wir Kindern an Verhalten abgewöhnen, gewöhnen wir ihnen ab, weil der Raum es so will.
Ich glaube nicht, dass ein Klassenzimmer die Gesellschaft verändert. Aber ein Klassenzimmer ist ein kleiner Teil davon. Und die Erfahrungen, die Kinder dort machen, nehmen sie mit – in Freundschaften, in Familien, irgendwann in Berufe.
Vielleicht geht es also gar nicht darum, Kindern beizubringen, irgendwann erwachsen zu werden. Das passiert ohnehin.
Vielleicht geht es eher darum, dass sie erwachsen werden können, ohne alles zu verlieren, was sie einmal selbstverständlich konnten. Neugierig sein. Fragen stellen. Ausprobieren. Sich zeigen. Sich bewegen.
Und manchmal einfach hüpfen. Nicht überall, nicht immer. Aber vielleicht öfter, als wir denken.
Denn eigentlich ist die spannendere Frage nicht, wann wir aufhören zu hopsen.
Sondern warum.
💭 Und du?
Was hast du zuletzt unterbunden – und weißt eigentlich nicht mehr genau, warum?
Was davon würdest du nächste Woche einfach laufen lassen?
Und wo sitzt du selbst gerade unbequem, obwohl es niemanden stören würde, wenn du es nicht tätest?
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