Was bleibt von einem Schuljahr – außer den Noten?

Zwischen Zeugnissen, Abschieden und allem, was sich nicht bewerten lässt.

Ja, es muss gesagt sein, dass die letzten Schulwochen noch so richtig zach sein können. Man merkt einfach, dass die Luft raus ist. Und keiner mehr will.

Das kann sich ja fast niemand vorstellen - auch ich nicht. Zumindest bevor ich Lehrerin wurde.

In den letzten Tagen eines Schuljahres verändert sich alles. Was am Anfang noch kreatives Chaos war, ordnet sich während des Jahres ziemlich schnell in einen Beziehungsalltag, der es in sich hat und am Ende wirklich nach einer Pause verlangt - von einander, vom beschäftigt sein, vom Tun.

Die Hefte sind fast voll, die Noten stehen fest, die Sommerferien sind zum Greifen nah.

Und trotzdem habe ich jedes Jahr das Gefühl, dass genau jetzt etwas passiert, das sich auf keinem Zeugnis wiederfindet. Denn wenn ich auf ein Schuljahr zurückblicke, denke ich selten zuerst an Mathematik oder Deutsch.

Ich denke an Kinder, die sich den neuen Herausforderungen der Mittelschule gestellt haben. An Jugendliche, die gelernt haben, sich nach einem Streit wieder zu entschuldigen oder ihr Lernen selbst in die Hand genommen haben. An Gruppen, die begonnen haben, gemeinsames zu schaffen. An Momente, in denen jemand über sich hinausgewachsen ist.

All das findet im Klassenzimmer statt, aber kaum etwas davon findet Platz im Zeugnis.

Noten zeigen Ergebnissem, doch der tatsächliche Prozess des Lernens ist viel größer.

Ich verstehe, warum wir Noten haben. Eh, sie geben Orientierung, schaffen Vergleichbarkeit und helfen dabei, bestimmte Leistungen sichtbar zu machen. Aber sie erzählen nie die ganze Geschichte.

Zum Beispiel sagen sie nichts darüber aus, wie viel Mut ein Kind aufbringen musste, wie oft es weitergemacht hat, obwohl es schwierig war, wie kreativ es gedacht hat, wie sehr es sich für andere eingesetzt hat oder wie viel Selbstvertrauen in das eigene Handeln entstanden ist.

Ich glaube, Noten messen Leistung – aber nicht Entwicklung. Und Entwicklung ist doch das, worum es in Bildung eigentlich gehen sollte. Oder nicht?

Was Kinder wirklich mitnehmen

Wenn ich Kinder frage, woran sie sich später erinnern, erzählen sie selten von Schularbeiten. Sie erzählen von Projekten, von gemeinsamen Erlebnissen, von einer Lehrerin, die ihnen etwas zugetraut hat, von einem Moment, in dem sie stolz auf sich waren.

Lernen geschieht nicht nur im Kopf. Es geschieht in Beziehungen. In Erfahrungen. In Räumen, in denen Kinder ausprobieren dürfen.

Genau deshalb muss man ihnen mit der Erinnerung an ihre eigenen Entwicklungen oft ein bisschen auf die Sprünge helfen. Weil eben ein Prozess schwieriger zu fassen ist, als eine einzige Note.

Vielleicht ist genau das der größte Unterschied zwischen Wissen und Bildung.

Feedback statt Urteil

Deshalb nehme ich mir am Ende des Schuljahres gerne Zeit für etwas anderes. Nicht nur für die Frage, welche Note sie bekomme, sondern wie habe ich dich dieses Jahr erlebt, was war dein größtes Learning, was hat dir geholfen, worauf bist du stolz?

Am Anfang des Schuljahres habe ich in einer meiner Klassen, Ziele für das Jahr formulieren lassen. Die Jugendlichen hatten erstaunlich konkrete Ziele:

  • Ich will zumindest einen 3er in Deutsch

  • Ich will nicht mehr so schüchtern sein

  • Ich will mein Schriftbild verbessern

  • Ich möchte mein Bestes geben

... um nur einige zu nennen.

Die meisten haben ihr eigenes Ziel übertroffen.

Auch Lehrkräfte sollten Ziele haben

Nicht nur für ihr Schüler:innen, sondern vor allem auch für sich selbst. Denn die zentrale Frage, die ich mir dieses Jahr gestellt habe war: Wer muss ich werden, damit ich Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg am besten begleiten kann?

Wer müssen wir werden, um Räume für Entwicklung zu halten?

Lernen passiert meiner Meinung nach in beide Richtungen. Wir Erwachse sollten auch lernen - nicht nur aus Büchern oder aus Fortbildungen oder Seminaren. Sondern von denen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben, mit denen wir, ob wir wollen oder nicht, in Beziehung stehen.

Darum habe ich bereits im letzten Jahr eine kleine Variante der bekannten Feedback - Hand entwickelt - damit die Schüler:innen zu Wort kommen. Denn sie können sich ihre Lehrkraft, also den Menschen, von dem sie lernen sollen ja nicht aussuchen - da sollten sie zumindest doch ihre Meinung sagen dürfen.

Ganz unkompliziert, schriftlich und knapp.

👍 Daumen – Das fand ich richtig gut.

☝️ Zeigefinger – Das hätte ich anders gebraucht

🩷 Kleiner Finger – Das wünsche ich mir fürs nächste Schuljahr.

Mehr braucht es manchmal gar nicht. Denn Feedback ist für mich keine Bewertung. Feedback ist Beziehung. Und es zeigt den Kindern und Jugendlichen, dass es Erwachsene interessiert, was sie denken und dass sie ernst genommen werden. Und gleichzeitig erinnert es mich daran, dass auch ich als Lehrerin nie fertig bin.

Was bleibt?

Am Ende eines Schuljahres bleiben natürlich Zeugnisse. Aber hoffentlich bleibt noch viel mehr.

Ein gestärktes Selbstvertrauen. Neue Freundschaften. Neugier. Mut. Die Erfahrung, etwas geschafft zu haben.

Und vielleicht die Erinnerung an einen Raum, in dem Lernen nicht nur Leistung bedeutete, sondern Begegnung.

Denn genau diese Erinnerungen begleiten Kinder oft länger als jede einzelne Note.

💭 Und du?

  • Woran wirst du dich an dieses Schuljahr erinnern?

  • Welche Entwicklung eines Kindes hat dich am meisten berührt?

  • Und woran würdest du den Erfolg eines Schuljahres messen, wenn es keine Noten gäbe?

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Allerliebst, deine Sumaya

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