Creative Classroom als Haltung – Wie Kreativität Lernen lebendig macht

Warum lernen wir das eigentlich?

Diese Frage höre ich fast täglich im Unterricht.

Und ehrlich gesagt: Ich finde sie wichtig. Natürlich, denn Kinder suchen Sinn, in dem, was sie tun. Vor allem, wenn es gerade keinen Spaß macht.

Und meistens sind wir Erwachsenen dann eher genervt, weil “es kann ja nicht alles Spaß machen oder Sinn ergeben, was wir lernen. Darum antworten wir oft ganz pragmatisch so etwas wie:

„Das brauchst du später.“

„Das kommt bei der Prüfung.“

„Das brauchst du für eine gute Note.“

„Das ist wichtig für die nächste Schule.“

Jeder und jede von uns hat das als Kind blöd gefunden und sagt es jetzt als erwachsene Person trotzdem. Weil wir natürlich verstehen, dass manche Dinge erst später Sinn ergeben oder dass neben der eigentlichen Aufgabe eine Kompetenz entwickelt wird, die wir als Mensch in dieser Gesellschaft brauchen.

Manchmal aber denke ich mir mir dabei : Vielleicht ist das gar nicht die eigentliche Antwort.

Vielleicht lernen wir manche Dinge auch einfach, because you can.

Weil du ein Mensch bist, weil du denken kannst, weil du Zusammenhänge erkennen kannst, weil du gestalten kannst.

Und weil Lernen mehr ist als reine Verwertbarkeit. Weil das Leben mehr als nur Nutzen für die Zukunft ist.

Wieso sollen wir etwas für später lernen? Es geht doch immer um das Jetzt. Besonders in der Kindheit und der Jugend. Und vielleicht ist es das, worauf uns Erwachsene das Lernen mit jungen Menschen vorbereitet. Das Jetzt.
Kinder für die Zukunft vorzubereiten kann demnach bedeuten, ihnen zu lernen, im Moment zu sein und das Beste daraus zu machen. Um die Zukunft im Moment zu gestalten.

Und dann gibt es natürlich auch noch die Sache mit den Noten.

Vor einiger Zeit fragte mich ein Schüler: „Warum müssen Noten eigentlich unser Leben bestimmen?“

Ich hab ihm so ganz nebenbei im Deutschunterricht eine Antwort gegeben, die mich aber so gar nicht zufrieden gestellt hat.

Denn ich konnte ihn und die Frustration, die in seiner Stimme mitschwang, verstehen. Und das, obwohl ich eine Jugendliche gewesen war, die eine intrinsische Lernmotivation für alles Mögliche mitbrachte und gar nicht allzu viel nach Sinn und Noten gefragt hatte.

Ich finde es blöd, dass Noten unser Leben so bestimmen.
— Schüler

Viele Kinder erleben Schule nicht als Lernraum, sondern als Bewertungssystem.

Sie lernen früh: Welche Note habe ich? Bin ich gut genug? Reicht das für die nächste Schule? Für eine Lehrstelle?

Für Anerkennung? Dabei geht oft verloren, was Lernen eigentlich sein könnte: ein Prozess.

In einer anderen Stunde habe ich dann die Frage meines Schülers wieder aufgenommen und versucht, der ganzen Klasse eine Antwort - oder vielmehr eine Perspektive zu geben.
Ich persönlich bewerte sie nicht als Menschen mit einer Note. Ich versuche, ihren Lernprozess sichtbar zu machen. Nicht die Person ist „ein Dreier“ oder „ein Vierer“. Sondern eine Zahl versucht abzubilden, wo jemand gerade steht, was schon verstanden wurde und wo Entwicklung passiert.

Das Problem ist nur: Eine Note erzählt selten die ganze Geschichte.

Ein Schüler, der früher nur Vierer hatte und plötzlich Dreier schreibt, hat vielleicht einen riesigen Entwicklungsschritt gemacht. Aber die Zahl allein zeigt das nicht.

Ich könnte eigentlich zu fast jedem Kind viel viel mehr sagen:

  • wie es arbeitet,

  • wo es mutiger geworden ist,

  • wo es konzentrierter ist,

  • wo es Verantwortung übernimmt,

  • wo es endlich beginnt,

    an sich selbst zu glauben. Am Ende bleibt oft nur eine Zahl stehen.

Und genau deshalb beschäftigt mich die Frage: Wie kann Lernen wieder spürbarer, sichtbarer werden?

Für mich beginnt genau dort Creative Classroom.

Nicht bei Bastelideen, nicht bei „wir machen etwas Kreatives“. Sondern bei der Frage: Wie wird Lernen erfahrbar?

Wie wird Wissen zu etwas, das Kinder nicht nur auswendig lernen, sondern erleben? Sodass sie gar nicht die Zeit haben, über die Sinnhaftigkeit nachzudenken, weil es einfach interessant ist.

Mit meiner Deutschförderklasse haben wir zum Beispiel in Technik und Design ein Newton-Pendel gebaut.

Eigentlich ein physikalisches Prinzip - Impulsweitergabe, Schwingung, Massenerhaltung.

Dafür mussten meine Schüler:innen selbst bauen, testen, scheitern, neu ausrichten, präzisieren.

Und plötzlich musste ich ihnen das Prinzip kaum mehr erklären. Sie hatten es verstanden, weil sie es erfahren hatten.

Das Pendel funktionierte nur, wenn präzise gearbeitet wurde und wenn die Kugeln auf einer Ebene waren.

Wenn sie also genug Geduld und Interesse aufgebracht hatten. Ich selbst hätte es vermutlich nicht besser machen können.

Sie merkten dabei selbst: „Wenn ich schlampig arbeite, funktioniert das System nicht.“

Zusätzlich waren sie motiviert, wenn sie sahen, dass es bei manchen anderen gut funktionierte.

Das war kein Arbeitsblatt mehr. Es war Erfahrung. Und genau dort passiert für mich Lernen.

Oft sind die emotionalsten Erfahrungen
die nachhaltigsten Lernmomente, weil etwas wirklich erlebt wurde.
— Sumaya

Ähnliches habe ich in Deutsch bei einer Projektschularbeit erlebt, in der wir Balladen behandelt haben.
Die Schüler:innen durften zuerst kreativ mit Mindmaps arbeiten und Ideen sammeln. Anschließend entwickelten sie mit Unterstützung von KI eine eigene Balladen, die sie dann üben und einlesen sollten.

Manche Teenager sind dabei richtig aufgeblüht und haben viel von sich selbst preisgegeben. Andere wiederum hatten Schwierigkeiten, über längere Zeit an einem Prozess dranzubleiben. Und auch das war wichtig zu sehen. Denn selbstständiges Arbeiten bedeutet nicht automatisch, dass sie gelernt haben, wie man sich organisiert, dranbleibt oder Verantwortung übernimmt. Viele machen Aufgaben schnell fertig, hauptsache sie sind gemacht.

Nicht, weil sie faul sind. Sondern weil Schule oft vermittelt: „Fertig“ ist wichtiger als „verstanden“. Weil du sonst eine schlechte Note bekommst.

Dabei entsteht echter Lernerfolg oft viel langsamer.

Deshalb lasse ich meine Schüler:innen dieses Jahr auch kreative Texte sammeln, die wir am Ende als kleines Booklet zusammenstellen wollen.

Es sind die kleinen Dinge, die wir Lehrkräfte oft über Jahre zu einem großen Ganzen zusammentragen, um unseren Schüler:innen zu zeigen: Große Dinge entstehen selten auf einmal.

Ein Text, eine Idee, ein kleiner Fortschritt, eine Verbesserung, noch ein Versuch.

Und irgendwann hält man etwas Ganzes in der Hand. Oder man hat endlich die Schule geschafft. 😉

Vielleicht ist Lernen genau das. Nicht unbedingt, wie viel habe ich mir von dieser Stunde gemerkt. Sondern, wie viele kleine Schritte bin ich gegangen, um da zu stehen, wo ich jetzt bin.

Denn dann ergibt vieles einen Sinn.

So wie Aristoteles sagte: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
— Aristoteles

Creative Classroom bedeutet für mich deshalb nicht weniger Anspruch. Im Gegenteil.

Es bedeutet, Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen als Menschen, die gestalten, denken, fühlen und verstehen wollen.

Es bedeutet, nicht nur Antworten abzufragen, sondern Räume zu schaffen, in denen Erfahrungen möglich werden. Denn wer gestaltet, versteht oft tiefer.

Nicht, weil alles plötzlich leicht wird, sondern weil Lernen beginnt, eine Beziehung zur Welt zu werden.

Und vielleicht ist genau das die Aufgabe von Schule: nicht nur Wissen zu überprüfen, sondern Kindern zu zeigen, dass sie selbst etwas erschaffen, verändern und verstehen können.

Kreativität ist keine Tätigkeit, sondern ein Raum, um Möglichkeiten zu schaffen, Regeln zu brechen und zu wachsen.
— Sumaya

💭 Und du?

  • Wann hast du zuletzt erlebt, dass Lernen wirklich lebendig wurde?

  • Erinnerst du dich an einen Moment in deiner Schulzeit, der dich wirklich geprägt hat?

  • Wurdest du eher für Ergebnisse bewertet – oder für deinen Lernprozess gesehen?

  • Was hättest du als Kind gebraucht, um dich sicherer, kreativer oder mutiger zu fühlen?

  • Welche Erfahrungen bleiben Kindern wirklich in Erinnerung?

  • Und was würde passieren, wenn Schule nicht nur Wissen vermitteln, sondern Gestaltung ermöglichen würde?

Bleib verbunden

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xxx, deine Sumaya

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Frei lernen heißt nicht: alleine lernen