Frei lernen heißt nicht: alleine lernen

Es klingt so schön:

Kinder sollen frei lernen, selbstständig denken lernen, sich Inhalte selbst aneignen. Und dabei eine Begeisterung und Freude fürs Lernen entwickeln.

Und ja – natürlich wollen wir das.

Wir wollen Kinder und Teenager, die neugierig sind. Die nicht nur abarbeiten, sondern wirklich verstehen.

Aber etwas wird dabei oft übersehen: Kinder wollen frei lernen – aber niemals allein.

Kinder brauchen Input

In vielen Konzepten geht es um „freies Arbeiten“: Kinder wählen Themen, recherchieren, arbeiten eigenständig.

In der Theorie klingt das logisch: Man gebe dem Kind einfach etwas in die Hand und schon beschäftigt es sich damit (für viele Eltern scheint dieses “etwas” aber nicht klar zu sein und dann sieht man Kleinkinder mit fetten Smartphones und iPads herumrennen).

Aber gut, spezifizieren wir dieses “etwas” auf ein ganz basales Grundbedürfnis: Verbindung.

Kinder brauchen also, dem Alter angepasst, entsprechende zwischenmenschliche Resonanz, um zu lernen.

Ganz intuitiv habe ich das in meiner langjährigen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen immer zu meiner Priorität gemacht. Als ich als Lehrerin in einer Mittelschule begonnen habe, habe diese Verbindung dann zusammen mit einer übereifrigen Motivation à la “wir müssen die Schule verändern” zu meinem Unterrichtsansatz gemacht.

Und bin damit erst mal ordentlich auf die Nase gefallen. Denn die Praxis sieht oft etwas anders aus:

Die Teenies sitzen da – und wissen nicht, wo sie anfangen sollen. Nicht, weil sie faul sind. Sondern weil ihnen etwas fehlt:

👉 Bilder im Kopf

👉 Erfahrungen

👉 Zugang zu einer größeren Welt

Auch wir Erwachsenen brauchen Input, um kreativ zu sein: Wir lesen, hören Podcasts, sprechen mit anderen.

Kinder machen das genauso – nur oft über TikTok, YouTube oder Games. Sie sind nicht „inputfaul“. Sie haben sich nur andere Quellen gesucht.

Doch diese Quellen versiegen, wenn sie nicht in der Umsetzung landen.

Ein Gedanke, der mir immer wieder kommt: Ohne Input bleibt Fantasie begrenzt. Kinder können nur mit dem arbeiten, was sie kennen.

Wenn ihnen wenig gezeigt wird, bleibt auch das, was sie sich vorstellen können, kleiner.

Freiheit ohne Möglichkeiten ist keine Freiheit, sondern Leere.

Wenn ich Kinder frage, was ihnen beim Lernen hilft, kommen oft ähnliche Antworten:

  • Beispiele

  • Erklärungen

  • Nachfragen

  • Unterstützung

Und immer wieder: „Wenn die Lehrer:in hilft“

Das klingt banal. Ist es aber nicht.

Denn es zeigt genau, was wir eben schon vermutet haben: Verstehen passiert nicht allein – sondern im Kontakt.

Selbstständigkeit ist ein Ergebnis, kein Lernweg.

Ein großer Denkfehler ist, dass Kinder von Anfang an selbstständig sein müssen.

Aber Selbstständigkeit entsteht nicht am Anfang, sondern unterwegs im Prozess des Lernens.

Sie wächst, wenn Kinder:

  • Impulse bekommen

  • Fragen stellen dürfen

  • Rückmeldung bekommen

  • sich sicher fühlen

Kurz also, wenn sie in Beziehung sind.

Wir denken oft: Weniger Anleitung = mehr Freiheit

Aber Kinder brauchen etwas, woran sie andocken können:

  • Ideen

  • Sprache

  • Begegnung

  • echte Menschen

Erst dann können sie ihren eigenen Weg finden.

Was das fürs Lernen bedeutet?

  • Lernen braucht Input – immer wieder

  • Lernen passiert in Wellen, nicht linear

  • Kinder brauchen Beziehung, nicht nur Materialien

  • echte Selbstständigkeit wächst aus Verbindung

Kinder werden nicht selbstständig, weil wir sie allein lassen, sondern weil wir ihnen die Welt zeigen – und sie darin ihren eigenen Weg finden lassen.

Freiheit braucht Input. Lernen braucht Beziehung. Und Kinder brauchen Räume, in denen sie nicht allein sind.

Wer hier schon länger mitliest, weiß: Ich bin keine radikale Systemveränderin. Ich konzentriere mich auf die Dinge, die im System machbar und veränderbar sind.

Es gibt bereits immer mehr Schulen und Konzepte, die freies Lernen anders denken - etwa Agile Learning Centers oder demokratische Schulmodelle. Sie alle zeigen, dass Freiheit im Lernen möglich ist - aber nicht ohne Struktur und Begleitung. Es gibt mittlerweile sogar Schulen, die gezielt mit Brettspielen arbeiten, um strategisches Denken und Zusammenarbeit zu fördern.

Ich finde die meisten Konzepte sehr inspirierend und frage mich oft, was sich davon in den “normalen” Schulalltag übertragen lässt.

Was ich aber sicher weiß ist, dass es Menschen braucht, die selbst gerne lernen, die andere inspirieren können und auch den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren.

💭 Und du?

Je erwachsener wir werden, desto weniger beschäftigen wir uns damit, Neues zu lernen - aber warum?

Mich interessiert - wann hast du das letzte Mal etwas wirklich gelernt? Wann hast du mit diesem Wissen etwas umgesetzt, es wirklich verstanden - nicht allein, sondern im Austausch mit jemandem?

Wo entdeckst du Räume, in denen du frei bist, auszuprobieren und zu gestalten?

Wo lässt du dich inspirieren?

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xxx, deine Sumaya

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