Warum gute Schule eine Frage der Kultur ist – nicht der Methode
„Mir geht’s nicht gut, weil heute Montag ist und wir noch 4 Tage in der Schule sein müssen. “
Es gibt Tage, da gehe ich selbst nicht gerne in die Schule.
Nicht, weil ich meinen Beruf nicht mag. Sondern weil ich spüre, dass etwas nicht stimmig ist. Das kann - weiß-der Kuckuck-was für Gründe haben.
Meistens fängt es aber schon damit an, dass ich schlecht schlafe. Und zwar nicht einfach so, sondern weil ich etwas beunruhigendes von meinen Schüler:innen geträumt habe - etwas, das mich beschäftigt.
Und eigentlich fängt es schon viel früher an. Nämlich genau da, wo irgendetwas passiert ist, das mich nicht loslässt. Etwas, das Klärung benötigt.
Es gibt Tage, da gehe ich selbst nicht gerne in die Schule. Und ich gehe trotzdem.
Und dann frage ich mich: Wie muss es sich erst für Kinder anfühlen, die jeden Tag kommen müssen? Auch, wenn es sich unangenehm anfühlt, wenn sie sich nicht wohlfühlen oder gar von anderen geärgert oder gemobbt werden.
Schule sollte kein Ort sein, an den man geht, weil man muss. Sondern ein Ort, an dem man zumindest ein Stück weit sein will.
Ich bin eine erwachsene Person, die weiß wo sie sich Hilfe holt, wie sie sich -im besten Falle- regeneriert und wie sie vor allem Situationen, in denen etwas unangenehmes passiert ist, ansprechen oder sogar wieder klären kann. Im Kollegium, mit Eltern, mit Kindern, mit Teenagern.
Und vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Frage:
Was macht Schule zu einem Ort, an dem Menschen gerne sind?
Dabei spüre ich auch: Ich kann nicht immer inspirieren, in meiner besten Form sein, immer fröhlich, gut gelaunt.
Und wahrscheinlich wollen das die meisten Schülerinnen auch nicht. Weil ich dann nicht relatable bin. Denn Menschen, die echt im Leben sind, sind eben auch alles, was dazu gehört - und manchmal sind wir dann nicht immer so, wie wir es gerne sein würden.
Was ich aber schon kann, ist klar zu machen, dass weder unser Verhalten, als auch unser Lernen nicht immer gleich läuft.
Lernen ist zyklisch – nicht linear
Lernen verläuft nicht gerade. Es verläuft in Wellen. Dabei gibt es Phasen der Offenheit, Phasen des Widerstands, Phasen der Integration. Und Phasen der Ruhe.
Im Klassenzimmer ist das jeden Tag spürbar. Und trotzdem ist Schule oft so gebaut, als müsste Lernen immer gleich aussehen: gleich schnell, gleich strukturiert, gleich messbar.
Dabei stimmt das nicht.
Aber wir lernen, dass es egal ist, was wir gerade wollen. Weil es sowieso nicht das ist, was wir wollen sollen.
„Schule darf künstlerischer werden!“
Wenn ich sage, Schule muss künstlerischer werden, meine ich nicht „mehr Kreativität“ im klassischen Sinn.
Ich meine damit, dass Lernen sich bewegen darf. Und, dass es nicht immer gleich abläuft.
Lernen muss sich auch an das anpassen, was gerade da ist.
Manchmal bedeutet das, innezuhalten und gemeinsam zu schauen, was eine Gruppe gerade braucht.
Manchmal bedeutet es, einen anderen Zugang zu wählen, ein anderes Tempo, ein anderes Thema.
Und manchmal bedeutet es, einen Moment auszuhalten, statt sofort weiterzumachen.
Künstlerisch bedeutet für mich, nicht starr zu arbeiten – sondern in Beziehung zu bleiben mit dem, was entsteht.
Auch Schüler:innen sind Teil dieses Raums – nicht nur als Lernende, sondern als Mitgestaltende.
Ich habe begonnen, anders zu arbeiten. Nicht, indem ich alles umstelle, sondern indem ich genauer hinschaue.
Ich frage öfter: Was braucht diese Gruppe gerade? Was ist heute möglich? Oder direkter:
„Was braucht ihr gerade? “
Manchmal entstehen daraus kleine Absprachen, ein gemeinsamer Rhythmus. Und manchmal sogar ein anderer Zugang. Der ist nicht immer perfekt oder besonders strukturiert. Aber spürbar anders.
Schule ist heute stark geprägt von linearen, messbaren Strukturen: Lehrpläne, Noten, Leistung, Vergleich.
Gleichzeitig gibt es eine zweite Ebene, die viel weniger sichtbar ist – und doch den Raum eigentlich trägt:
Beziehung, Präsenz, Atmosphäre, das feine Spüren von Dynamiken.
Diese Qualität ist nicht messbar, aber sie ist entscheidend.
Und interessant daran ist, dass viele dieser „unsichtbaren“ Räume werden von Menschen gehalten, die gelernt haben, zyklisch zu denken, zu fühlen, wahrzunehmen. Ich meine damit nicht besser oder schlechter. Aber eben anders.
Vielleicht liegt die Zukunft von Schule genau darin, diese beiden Qualitäten nicht gegeneinander auszuspielen –sondern endlich zusammenzubringen.
Ich habe manchmal das Gefühl, Lehrkräfte oder ganz allgemein Erwachsene haben Angst vor diesem Chaos, das kurzfristig dabei entsteht, wenn mehrere Menschen mitplanen oder Ideen einbringen. Dabei entsteht hier erst die richtige Challenge für uns, genau da das Leadership zu zeigen, das der Raum braucht.
Und genau dort verändert sich etwas: im Arbeitsklima, in der Beteiligung, im Lernen selbst.
„Dürfen wir in der Aula arbeiten? Darf ich auf die Toilette gehen? Darf ich Wasser trinken?“
Wieviel mehr Flow würde entstehen, wenn jede:r innerhalb der Rahmenbedingungen, selbst wählen könnte, wie Lernen passiert?
Was ich immer deutlicher sehe:
Jüngere Schüler:innen brauchen mehr Führung, mittlere mehr Miteinander, ältere mehr Dialog.
Die Form entscheidet, ob Lernen möglich wird. Und oft passiert der wichtigste Schritt nicht im Kopf, sondern in der Beziehung: zwischen Lehrer:in und Schüler:innen, zwischen den Jugendlichen untereinander oder zwischen einem Menschen und sich selbst.
Vielleicht verändert sich Schule nicht durch große Reformen, sondern durch die Entwicklung einer gemeinsamen Kultur. Durch kleine Verschiebungen im Alltag, die wir selbst in der Hand haben:
Die Art, wie wir sprechen, wie wir Räume gestalten und wie wir Beziehung leben.
Das ist keine sichtbare Macht. Aber eine sehr wirksame.
Collective Leadership – und warum wir alle Teil davon sind
Wenn Schule ein kultureller Raum ist, dann entsteht Veränderung nicht von alleine. Und auch nicht durch Regeln von oben oder durch einzelne Entscheidungen.
Sondern durch viele Menschen, die sich an Bildungsgesprächen und -prozessen beteiligen: Lehrer:innen, Schüler:innen, Menschen außerhalb und an der Peripherie des Schulsystems.
Collective Leadership bedeutet, dass wir Schule gemeinsam gestalten und dass dadurch unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen.
Wir müssen in Dialog gehen, statt nur umzusetzen, was vorgegeben ist.
Gerade entstehen im Bildungsbereich viele neue Ideen, neue Ansätze, neue Räume.
Und sie zeigen etwas Wichtiges: Es gibt nicht die eine richtige Schule.
Vielleicht gibt es so viele Formen von Schule, wie es Kinder und Menschen gibt.
Und genau deshalb brauchen wir Verbindung – nicht Vereinheitlichung.
„Bildung ist Bewusstseinskultur.“
Ich glaube immer stärker: Schule ist nicht nur ein Ort, an dem Wissen vermittelt wird.
Sondern ein Raum, in dem Bewusstsein entsteht: Für sich selbst, für andere, für die Welt.
Wenn Schule Raum gibt für: Präsenz, Beziehung, Ausdruck, Körper und Entwicklung, dann entsteht mehr als Lernen.
Dann entsteht Entwicklung im eigentlichen Sinn.
Vielleicht müssen wir Schule nicht neu erfinden, sondern dem zuhören, was bereits da ist: den Kindern, den Rhythmen.
Und vielleicht beginnt Veränderung nicht im System, sondern in uns. Und in dem, wie wir jeden Tag im Klassenzimmer sind.
Engagiere dich!
Es gibt im deutschsprachigen Bereich einige Möglichkeiten, sich am Bildungsdialog zu
Die Initiative BID - Gemeinsam Bildung stärken, die regelmäßig zu Veranstaltungen einlädt, um eine neue Kultur des öffentlichen Austauschs zu schaffen und die Lust am Mitgestalten in der Bevölkerung anzuregen.
Die Initative Schule im Aufbruch lädt alle positiven “Veränder:innen” ein, Kindergärten und Schulen zu stärken, die individuellen Talente der Kinder und Jugendlichen konsequent zu fördern.
In Linz findet jedes Jahr der Future mind summit statt, der von Teach for Austria ins Leben gerufen wurde. Mit interessanten Key notes, Diskussionen und Workshops werden den die Teilnehmenden dazu eingeladen, sich aktiv für die Zukunft der Bildung zu engagieren.
💭 Und du?
Wenn du hier in diesem Raum bist, dann bist du bereits Teil des Dialogs und der Veränderung, die Bildung von heute braucht.
Vielleicht magst du dir hier einen Moment Zeit nehmen und diesen Fragen nachspüren:
Wie fühlt sich der Raum an, den du täglich mitgestaltest?
Was brauchen die Menschen, mit denen du arbeitest, gerade wirklich?
Wo braucht es mehr Führung - und wo mehr Mitsprache?
Welche kleine Veränderung könntest du morgen bereits Kultur verändern?
Bleib verbunden
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Dort teile ich kurze Impulse, Inspiration und Einblicke in meinen Alltag als Lehrerin und begeisterte Lernerin.
Herzlichst, deine Sumaya