Wenn Kinder fragen dürfen - und wirklich alle Fragen erlaubt sind

Über Sexualpädagogik, Vertrauen und sichere Lernräume.

Frau Fahrner, wie schmeckt Sperma?
— Schüler

Es wurde gekichert. Natürlich wurde gekichert.

Ein paar Hände gingen vor die Münder.

Ein paar Augen suchten meine Reaktion.

Ich schmunzelte.

Und statt zu erklären, fragte ich zurück:

„Wer weiß es denn?“

Eine Schülerin meldete sich. “Darf ich, bitte, ich habe letztens darüber gelesen.” Ganz ruhig. Ganz selbstverständlich. Und dann erklärte sie.

Genial.

„Na super“, sagte ich. „Dann wisst ihr ja eh schon ziemlich viel.“

Und plötzlich war der Bann gebrochen.

Sexualpädagogik beginnt in Beziehung

Es war nicht mehr „die heikle Frage“. Es war ein Gespräch, das sich da entwickelte. Natürlich waren nicht alle gleich “laut” daran beteiligt:

Einige hörten zu, einige stellten weitere Fragen, einige wussten erstaunlich viel und andere zeichneten lieber vor sich hin oder kicherten weiter Scherze-machend vor sich hin. So oder so kann Beteiligung aussehen.

Und ich war nicht die Instanz vorne – ich war Teil des Raumes.

Was mich daran berührt hat, war nicht der Inhalt, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie Wörter und eben auch Themen wie dieses in den Raum werfen.

Diese Generation wächst mit Informationen auf. Aber Information ist nicht dasselbe wie Orientierung.

Und Schule kann entweder ausweichen – oder begleiten.

Sexualpädagogik beginnt nicht bei anatomischen Details - sie beginnt bei Beziehung.

Und zwar bei der Frage: Ist dieser Raum sicher genug für das, was mich wirklich beschäftigt?

Ich entscheide nicht, welche Fragen gestellt werden dürfen, aber ich entscheide als Lehrkraft, wie wir damit umgehen.

Und das habe ich von Anfang an in den Raum gestellt:

Niemand muss sprechen.

Niemand wird bloßgestellt.

Niemand wird ausgelacht – auch wenn gelacht werden darf.

Es gibt einen Unterschied zwischen Kichern und Beschämung - und diesen Unterschied zu halten, ist pädagogische Arbeit.

Manche Fragen sind echte Neugier, manche testen Grenzen, manche wollen Aufmerksamkeit.

Aber selbst Provokation braucht keine Härte. Sie braucht Präsenz.

Wenn Ausdruck möglich wird

Ein paar Wochen später schrieben dieselben Schüler*innen freiwillig Liebesbriefe.

Seitenlang. Mit der Hand. Ohne Auftrag. Ich musste dann doch irgendwann im Scherz nachfragen:

Soll ich die eigentlich korrigieren?

Sie sahen mich entsetzt an - Natürlich wollten sie das nicht. Und ich ja in Wirklichkeit auch nicht 😊

Was mich daran so beeindruckt hat, war nicht, dass sie über Liebe schrieben, sondern dass sie es konnten. Und insgeheim freute es mich natürlich auch zu sehen, dass das Schreiben (ich unterrichte dieselbe Klasse auch in Deutsch) gar nicht so das Problem ist, wenn es eine intrinsische oder in diesem Fall vielleicht auch extrinsische Motivation gibt.

Ausdruck entsteht nicht durch Druck, er entsteht durch Sicherheit. Und wenn Kinder wissen, dass sie fragen dürfen, wissen sie irgendwann auch, dass sie fühlen dürfen.

Und denken dürfen.

Und widersprechen dürfen.

Ressourcen für Lehrpersonen und Interessierte

Für Lehrpersonen, die sich in diesem Feld unsicher fühlen, gibt es fundierte Angebote und Weiterbildungen – etwa über die Plattform Sexuelle Bildung Österreich, sowie die Österreichische Gesellschaft für Sexuelle Bildung oder Initiativen wie SpeakUp Sexualpädagogik, Sexologisch und viele weitere.

Niemand muss solche Räume alleine halten.

Außerdem lohnt es sich, einen Leitfaden zur Sexuellen Bildung für die eigene Schule zu erstellen. Wer dazu Inspirationen braucht findet diese unter anderem im Rahmenkonzept Sexualpädagogik der Kinder und Jugendhilfe Oberösterreich.

💭 Und du?

Welche Fragen dürfen in deinem Raum gestellt werden?

Und welche bringen dich innerlich ins Wanken?

Vielleicht geht es weniger darum, wann wir was lehren. Und mehr darum, ob Kinder spüren, dass ihre Fragen uns nicht aus der Fassung bringen.

Denn die eigentliche Frage war nicht, wie etwas schmeckt.

Die eigentliche Frage war: Bleibst du ruhig, wenn ich das frage?

Und vielleicht beginnt Bildung genau dort.

Bleib verbunden

Wenn dich diese Gedanken bewegen, dann melde dich gerne hier für meinen Newsletter an.
Dort teile ich kurze Impulse, Inspiration und Einblicke in meinen Alltag als Lehrerin und begeisterte Lernerin.

Herzlichst, deine Sumaya

Zurück
Zurück

Warum gute Schule eine Frage der Kultur ist – nicht der Methode

Weiter
Weiter

Was Kinder sich von der Schule der Zukunft wünschen