Es war eine von diesen Stunden…
Es sind diese Stunden, die immer stärker im Gedächtnis bleiben, als jene, die einfach nur angenehm verlaufen sind. Und es sind die Stunden, an denen man als Lehrkraft am meisten dazulernt.
Es war in der zweiten Schulwoche: eine Stunde, in der ich gemerkt habe, wo meine Grenzen sind.
Ich hatte eine dritte Klasse, die ich in der ersten schon unterrichtet habe. Sie kennen mich, sie mögen mich, und ich mag sie auch. Trotzdem war diese Stunde eine Zumutung – für mich und für die Kinder, die lernen wollten.
Sie haben laut durcheinandergeredet. Sie haben mit Papierkugeln geschossen. Sie haben, so hat es sich angefühlt, alles gemacht, um mich auszutesten.
Und ich bin lauter geworden. Nicht oft, aber schon ein paar Mal, und immer in Richtung einzelner Kinder – bei jemandem, der ungute Geräusche gemacht hat, laut gelacht, geredet oder bei jemandem, der widersprochen hat. Ein lautes „Hey". Ein „ich möchte, dass du jetzt ruhig bist".
Ich möchte nicht die Lehrerin sein, die laut wird. Gleichzeitig war ich am Ende der Stunde ein bisschen stolz, dass es nur ein paar Mal war und ich meine Erwartungen an meine Schüler:innen klar ausgesprochen habe. Auch wenn sonst so gar nichts nach meinen Erwartungen gelaufen ist.
Es sind nicht die Kinder
Das muss ich dazusagen, weil es sonst falsch klingt: Die einzelnen Kinder in dieser Klasse sind sehr liebenswert. Mit jedem einzelnen kann man etwas machen. Ich habe mit vielen von ihnen gute Stunden erlebt.
Es ist die Dynamik. Und die ist in dieser Klasse außergewöhnlich – das sage nicht nur ich. Kolleg:innen, die seit vierzig Jahren unterrichten, haben über diese Klasse gesagt, dass sie so etwas noch nicht erlebt haben. Schon in der ersten Klasse waren sie so miteinander.
Inzwischen sind ein paar Kinder in andere Klassen gewechselt. Andere sind dazugekommen, ruhigere. Es verändert sich also etwas – langsam.
Aber vierundzwanzig Kinder, von denen zwanzig da waren und acht mich beschäftigt haben, das ist viel. In dieser Klasse braucht es ständig soziales Lernen, ständig Streitschlichtung. Es sind Kinder mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen, manche mit wenig Unterstützung außerhalb der Schule, und einige können sich schwer regulieren.
Am schwierigsten ist dabei nicht der Lärm. Am schwierigsten ist, dass man nicht einmal aussprechen kann, was man vorhat. Ich komme in der fünften Stunde gar nicht dazu, im Plenum zu sagen: Hey, ich habe das und das mit euch geplant. Es gibt keine Lücke dafür.
Und sie respektieren einander nicht. Sie lassen sich nicht ausreden, sie schreien sich an, sie bewerfen sich. Das ist der Teil, der mich eigentlich beschäftigt – nicht der fehlende Respekt mir gegenüber, sondern der untereinander.
Was macht man, wenn Classroom - Management nicht genügt?
Ich habe ihnen klar gesagt, dass es Konsequenzen haben wird. Und dann habe ich einen Wiedergutmachungsbrief entworfen. Den schreiben sie in der Schule oder zu Hause, aber abgeben müssen sie ihn, inklusive Unterschrift der Eltern. Wer ihn nicht abgibt, sitzt nach.
Der Gedanke dahinter ist einfach: Die Zeit, die sie mir gestohlen haben, bekomme ich so zurück. Sie werden eine Weile daran sitzen.
Das ist für mich keine Strafe, sondern eine Rückgabe. Es geht darum, dass es für die Kinder ein wenig unangenehm ist. Und darum, dass etwas fehlt, und dass jemand das ersetzt.
Das andere ist etwas, das viele Lehrkräfte machen und das ich mit dieser Klasse immer wieder trainiere: aufstehen und stehen bleiben, bis es ruhig ist. Dann dürfen sie sich setzen. Das kann eine ganze Stunde so gehen, und was in dieser Stunde nicht passiert ist, wird nachgeholt.
Man braucht irgendeine Intervention. Sonst bleibt nur, über alle drüberzuschreien, und das möchte ich nicht.
Was ich auch hätte machen können: den Unterricht unterbrechen und sagen, wir klären jetzt erst einmal die Regeln. Vielleicht wäre das besser gewesen. Andererseits kennen sie die Regeln seit zwei Jahren. Sie werden ihnen von allen Lehrkräften immer wieder erklärt. Das Problem ist nicht, dass sie sie nicht wissen.
Was immer wieder hilft, ist Dampf ablassen. Dabei geht es nicht darum, schlecht über die Kinder zu sprechen. Sondern darum, Verbündete zu gewinnen. Ich rede mit meinen Kolleg:innen. Vor allem mit den Klassenvorständen: Wie macht ihr das? Was funktioniert bei euch? Das hilft mehr als jeder Ratgeber, weil sie dieselben Kinder kennen.
In der nächsten Stunde habe ich schließlich doch die Regeln mit ihnen nochmal geklärt und klare Ansagen gemacht. Manche haben ihren Wiedergutmachungsbrief nach der Stunde bekommen. Sie haben sich darüber geärgert.
In den Stunden danach war es nicht still. Aber sie haben sich bemüht. Ich habe sie immer wieder daran erinnert, was gerade ihre Aufgabe ist – nicht einmal, sondern immer wieder.
Nicht alle Briefe habe ich bekommen. Also habe ich den Eltern geschrieben, dass sie sich darum kümmern müssen, weil die Kinder es sonst in der Schule nachholen und ich die Eltern zu einem Gespräch einlade.
Das ziehe ich durch. Eine Konsequenz, die man nicht einhält, ist keine.
Was ich dazugelernt habe
Ich habe in den letzten Jahren viel über Freiheit geschrieben. Über Regeln, die man unterscheiden kann. Über Räume, in denen Kinder mehr dürfen, als man denkt. Ich stehe zu jedem dieser Texte.
Aber ich habe in den letzten zwei Jahren auch etwas gelernt, das dazugehört: Wenn die Regeln sitzen, können wir andere Dinge machen. Nicht umgekehrt.
Freiarbeit in dieser Klasse führt nicht zu Selbstständigkeit. Sie führt zu Streit. Ich weiß das, weil ich die Klasse kenne. Das heißt nicht, dass Freiarbeit nichts taugt. Es heißt, dass sie Voraussetzungen hat, die hier noch nicht da sind.
Ich habe auch eine erste Klasse in diesem Jahr. Dort mache ich Zungenbrecher, wir rappen sie gemeinsam vor und sprechen sie nach, wir führen ein Lesetagebuch, wir sammeln neue Wörter. Dort kann ich ausprobieren, und es macht mir großen Spaß.
Der Vergleich ist allerdings unfair, und das muss ich dazusagen. Eine erste Klasse hat noch keine Geschichte. In einer dritten ist schon zwei Jahre lang etwas passiert – zwischen den Kindern, mit wechselnden Lehrkräften, in Konflikten, die niemand mehr rekonstruieren kann. Es liegt nicht an der Methode. Es liegt daran, dass ein Raum, in dem viel passiert ist, anders reagiert als ein Raum, der neu ist.
„Wenn die Regeln sitzen, können wir andere Dinge machen. Nicht umgekehrt.“
Kann man wirklich allen gerecht werden?
Ich sehe es nicht ein, dass die Kinder, die lernen wollen, gestört werden. Es waren genug da, die ruhig waren und sich konzentrieren wollten. Die haben genauso ein Recht auf diese Stunde.
Wir gehen ohnehin auf unterschiedliche Bedürfnisse ein – inhaltlich und auch beim Bewegungsdrang. Wenn Dinge funktionieren, machen wir etwas Cooles. Sie wissen das eigentlich. Sie handeln nur so, als wüssten sie es nicht.
Und irgendwann muss man lernen, sich so zu verhalten, dass ein Zusammenleben möglich ist. Nicht, weil Anpassung ein Wert für sich wäre, sondern weil es in jeder Gemeinschaft Verhaltensregeln gibt, an denen man sich orientieren kann. Wir tun manchmal so, als hätte Schule diese Regeln erfunden und als könnten wir sie einfach abschaffen.
Ich glaube inzwischen, dass es vielmehr um Führung geht, als darum, „nur” Lernbegleiter:in zu sein. Beide Rollen sind kein Widerspruch, sondern eine Frage darüber, was der Raum gerade braucht.
Mit Führung meine ich nicht zwangsläufig Strenge oder Härte, sondern die Klarheit darüber, wer diese Klasse leitet. Und darum, dass ich mir bei dem, was ich mache, selbst sicher sein muss. Kinder merken den Unterschied zwischen einer Regel, an die ich glaube, und einer, die ich nur wiederhole. Manche Regeln habe nicht ich gemacht, sondern die Schule. Das war für mich anfangs schwierig – inzwischen glaube ich, dass es genau darum geht: Kinder brauchen nicht einzelne Lehrkräfte mit eigenen Systemen, sondern ein Team, das an einem Strang zieht. In diese gemeinsame Autorität wächst man erst hinein.
Was ich dabei lerne: Es gibt keine pauschale Antwort. Es gibt individuelle Lösungen – für eine Klasse, für Einzelne, und vor allem für mich. Was bei einer Kollegin funktioniert, muss bei mir nicht funktionieren, weil ich eine andere Person bin.
Und ich muss gut auf mich schauen. Ich verstehe jetzt viel besser, wie Lehrkräfte arbeiten, die schon lange dabei sind: Sie machen ihren Job so gut sie können und erwarten nicht, Wunder zu bewirken. Ich habe das früher für Resignation gehalten. Inzwischen glaube ich, es ist die Voraussetzung dafür, diesen Beruf lange machen zu können.
Das ist vermutlich auch eine Form von Akzeptanz. Manche Konstellationen lösen sich nicht auf, weil eine einzelne Person sich besonders anstrengt. Sie verändern sich langsam – durch Erfahrung, durch neue Zusammensetzungen, durch viele kleine Wiederholungen.
Kann man also allen gerecht werden? Vermutlich nicht. Man kann nur entscheiden, wem man in dieser Stunde gerecht wird – und mit dem Rest weiterarbeiten.
Morgen werde ich wieder in dieser Klasse stehen. Mit dem Wiedergutmachungsbrief und der Frage, was beim nächsten Mal anders sein könnte – bei meinen Schüler:innen und bei mir.
💭 Und du?
Wann bist du das letzte Mal lauter geworden, als du wolltest?
Und was hat danach tatsächlich geholfen – nicht bei den Kindern, sondern bei dir?
Bleib verbunden
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